WEM GEHÖRT DER DONAUWALZER ?

Eine Wiener Herrenrunde meldet Besitzansprüche an
(Zum Jahreswechsel 1991/92)

Alljährlich werden wir auf den Wellen der "Schönen, blauen Donau" per Äther und Fernsehen "hinübergeschwemmt": Die ersten Sendeminuten des Neuen Jahres gehörten traditionell dem Donauwalzer. Und der Donauwalzer gehört der ganzen Welt, wenn die Wiener Philharmoniker am Neujahrstag für ein Millionenpublikum aufgeigen. Dennoch kann ein handverlesenes Grüppchen sonor(-seniorer) Herren die Entstehung des wohl berühmtestens Walzers auf ihr Vereins-Konto buchen. Es ist ein reiner Herrenverein, nicht aus Geschlechtsrassismus, sondern aus musikalischen Gründen. Frauen können höchstens Ehrenmitglied werden, wie einst Pauline Metternich oder Adele Strauß.

Man(n) singt vereint aus 90 Kehlen, ist knapp 150 Jahre als (Vereinsalter) und - nach wie vor dem vormärzlichen Wahlspruch "Frei und treu in Lied und That" huldigend.

Jeden Dienstag zu vorgerückter Abendstunde ist es im altehrwürdigen Dumbasaal des Wiener Musikvereingebäudes soweit: der "Wiener Männergesang-Verein" probt und mag damit dem ersten Zweck des 1843 gegründeten Vereins, der "Pflege und Veredelung des Chorgesanges" gerecht werden. Das zweite Ziel, die "Kunst der Humanität dienstbar zu machen" ist im Laufe von fast eineinhalb Jahrhunderten in den Hintergrund getreten. Man hat Nachwuchsprobleme, gibt man unumwunden zu. Neue Mitglieder wären gerne gesehen.

In der Blütezeit der männlichen Gesangsvereinigung (als man bis zu 250 Mitglieder zählte), brauchten Jungchoristen zwei Paten, um aufgenommen zu werden. Heute sind Neueintretende oft auf der Flucht vor dem Pensionsschock. Es gibt keine Altersgrenze nach oben hin. Die Vereinsstruktur hat sich geändert. Waren früher junge, durchwegs großbürgerliche Akademiker die Barden, so ist der ehrenamtliche Laien-Chor heute "gemischt" - "vom Taxifahrer, über den Universitätsdozenten bis zum Generaldirektor und Hofrat", erzählt der in Musiksachen überaus kompetente Vorstands-Stellvertreter, Herr Schuh, im Zivilberuf chemischer Laborant.

Zweifelsohne: tempora mutantur, doch dafür tourt die auf Schubert und Strauß spezialisierte Vereinigung endlich wieder. Nach längerer Pause. In der Presseaussendung zur erfolgreichen Fernostreise des Wiener Männergesang-Vereins im Herbst dieses Jahres (zehn Konzerte in Japan, Taipeh und Hongkong) liest sich das so: "Bedingt durch die Folgen zweier Weltkriege und die gewaltigen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen unserer Zeit ist es dem Wiener Männergesang-Verein nach längerer Zeit gelungen, diese Konzertreise zu organisieren. Zu den bedeutendsten und erfolgreichsten der bisher durchgeführten Auslandsreisen zählen: 1873 Venedig, 1905 Ägypten, 1909 Amerika..."

Gemäß dem Straußschen Motto "Glücklich ist, wer vergißt" treten Zeit und Raum in den Hintergrund, betritt man den Gral des Männergesang-Vereins. Kakanische Trophäen und vor allem die Fahne, die der Kaiser dem Verein geschenkt hat, werden im kleinen, sehenswerten Museum in den Vereinsräumlichkeiten im Wiener Musikverein aufbewahrt. Man wäre kaum erstaunt, würde Kaiser Franz Josef persönlich hinter einer der Vitrinen hervortreten, um "seine lieben Hofsänger", wie er sie zu nennen pflegte, nochmals zu fragen, was ihnen lieber sei: das Grundstück vis `a vis des Musikvereins, in dem heute die Austrian Airlines untergebracht ist, oder die Fahne - für die man sich damals entschied...

Beim Kaiserhaus stand der Verein in besonderer Gunst. Schon 1844 sang man dem von Triest heimkehrenden Kaiser Ferdinand in Schloß Schönbrunn ein Abendständchen, alle wichtigen Denkmalenthüllungen in der franzisko-josephinischen Ära, sowie die Weltausstellungs-Eröffnung 1873, wurden vom Männergesang-Verein besungen. Staatsbesuchen, wie Napoleon III. und Kaiser Wilhelm II. bot der Männergesang-Verein Ständchen dar. Zur Verlobung von Kronprinz Rudolf und Prinzession Stephanie reiste der Verein gar nach Brüssel.

Damals, als das Durchschnittsalter der Mitglieder noch nicht "zwischen 50 und 60" lag und man das Hauptgewicht der Vereinsaktivität auf das Singen verlegen mußte (Staatskanzler Metternich beobachtete auch rein singende Vereinigungen im Vereinsgründungsjahr 1843 mißtrauisch), haben Künstler wie Johannes Brahms, Anton Bruckner, Franz Liszt, Richard Strauss und Richard Wagner für den Verein komponiert. Und - Johann Strauß!

Die Chorvereinigung stand der Strauß-Familie immer nahe: Sie sangen beim Begräbnis von Vater Strauß, Sohn Johann widmete ihnen den ersten Konzertwalzer "Sängerfahrten", und in der Folge u.a. "Wein, Weib und Gesang". 1867 fällt ein Schlaglicht der Musik-Weltgeschichte auf den Wiener Männergesang-Verein. Johann Strauß hatte dem Verein für die den Narrenabend ersetzende Liedertafel 1867 (Tanzveranstaltungen waren im Hinblick auf die Niederlage bei Königgrätz eingeschränkt) einen Konzertwalzer versprochen.

Es wurde der Geniestreich seines Lebens, der Donauwalzer, ein Vokalstück, gewidmet dem "Männergesang-Verein". Durchfall war das damals mit "lustig-satirischem Text" aufgeführte Oeuvre entgegen später kolportierten Stimmen keiner, obwohl der Walzer "nur" einmal wiederholt wurde. Aber "Die Neue Freie Presse" urteilte: "Der liebliche Walzer mit seinen einschmeichelnden Rhythmen dürfte bald zu den populärsten des fruchtbaren Tanzkomponisten gehören und bildete eigentlich den einzigen ungetrübten Lichtblick der Faschings-Liedertafel".

Nun hat der "älteste und größte Männerchor Österreichs" einen Schatz seines umfangreichen Archivs (in dem u.a. auch Handschriften Goethes, Schuberts, Bruckner zu finden sind), der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Original-Klavierauszug mit handschriftlichen Bemerkungen von Johann Strauß wurde im Faksimiledruck aufgelegt. Wie die Mitglieder des Wiener Männergesang-Vereins "ihren" Donauwalzer damals, in der "Blüte ihres Vereinslebens" gesungen haben, ist nicht mehr nachvollziehbar. Doch die Faksimileseiten strahlen mehr Strauß-Authentizität aus, als manche zur Zeit über den TV-Schirm flimmernde Soap-Opera über den Walzerkönig.

Nach insgesamt fast 3000 Auftritten plant man im Verein nun Aktivitäten für das 150-Jahr-Jubiläum...Es ist, jubiläumsabhängig, das Verdienst des Männergesang-Vereins, die stummen Seiten des "Wiener Walzers" schlechthin sprechen gemacht zu haben, vielleicht mit den Worten Raoul Aslans: "Im Donauwalzer liegt etwas Melancholisches, Schwermütiges, eine sehnsüchtige Herzlichkeit, ja etwas Auslösendes, um nicht zu sagen etwas Zerfallendes. Ich glaube, Johann Strauß hat darin seine unbewußte Vorahnung des Zerfalles der Monarchie gegeben..."