Beethoven, daheim in Bonn

Ludwig van Beethoven war ein rastloser Mieter, der seine Wohnstätten in Wien häufig wechselte. Anlässlich seines 250. Geburtstages ist nun die über sechs Tonnen schwere Skulptur des Komponisten umgezogen: Das Kunstwerk Max Klingers wurde aus Leipzig in Beethovens Geburtsstadt, nach Bonn, übersiedelt.


Klingers Monument wurde 1902 erstmals in der Wiener Secession gezeigt. Dass der Komponist, auf einem antikisierenden Thron sitzend, nun wieder einen Quartierwechsel vollzogen hat, liegt an einem Doppeljubiläum: Im Beethoven-Jahr 2020 jährt sich auch der 100. Todestag von Max Klinger, der den Musik-Titanen um die vorvorige Jahrhundertwende in 17-jähriger Arbeit in Stein meißelte. Klingers Beethoven, das Gesicht nach einer Lebendmaske von Richard Klein gestaltet, ist nackt; er trägt nur ein Tuch und Sandalen. Die Rückenlehne seines Stuhls ist dekoriert mit Kreuzigungsszenen, konfrontiert mit der heidnischen Welt. Fünf Engelsköpfe flankieren den Genius. Ein großer Adler hockt zu seinen Füßen . . .

An einem Tisch mit Gustav Klimt

Respektlosigkeit lag Klinger fern. Er adorierte Richard Wagner und dessen Idee des Gesamtkunstwerks, das er auf die Bildende Kunst übertragen wollte. So schuf er Grafiken, Gemälde und Skulpturen, im Bestreben, Grenzen zu überwinden. Die Zeitgenossen reihten den 1857 in Leipzig geborenen Klinger in eine Kategorie mit Auguste Rodin oder auch Gustav Klimt. Mit Letzterem kam Klinger übrigens in Wien an einem Tisch zu sitzen: beim Festbankett in der Secession 1902. Klinger, der schon 1898 an einer Secessionsausstellung teilgenommen hatte, schuf für die Ausstellung aus Anlass des 75. Todestages Beethovens in Wien die Skulptur eines seiner Götter. Beethoven war für ihn der Inbegriff des Schöpfermenschen.

Klimt steuerte im angrenzenden Raum der Secession, dem temporären Beethoven-Tempel am Karlsplatz, den Fries bei: mit der Abbildung eines von nackten Frauen umgebenen Affen (Typhoeus), gearbeitet in Vergoldungen, mit Spiegelstücken und eingesetzten Knöpfen. Auch Klinger integrierte in seine Beethoven-Skulptur verschiedenste Materialien, französische Elfenbeinschnitzerei, griechischen, gefärbten Marmor und antike Glasscheiben aus Rom für die Dekors: So geschmückt, verkörpert Klingers Titan, seinem – wie Thomas Mann bemerkte – auffallend schmächtigen Körper trotzend, die Faust geballt, starke Geistigkeit und Willen.

„Das ist ein Held“, schrieb Thomas Mann. Doch Teile des Publikums und der Kritik witterten Beethoven-Schändung. Dessen ungeachtet hatte Gustav Mahler für die von Josef Hoffmann kuratierte Ausstellung ein Motiv aus Beethovens Neunter für Posaunen für ein Exklusivkonzert arrangiert.

Man schimpfte. Aber man kam auch, um zu schauen: 60 000 Zuschauer ergötzen und ereiferten sich an den Beethoven-Beiträgen Klimts und Klingers, die sich, Provokation ja oder nein, als Höhepunkt der romantischen Beethoven-Anbetung darstellten.

Die Klinger-Ausstellung in Bonn zeigt neben „Gottvater“ Beethoven 200 Werke aus allen Bereichen, in denen Klinger tätig war. Immer wieder findet sich der Bezug zur Musik. Klinger besaß in seinem Leipziger Atelier einen Flügel, auf dem er selbst konzertierte. Auch seine Gäste, unter ihnen sein Freund Johannes Brahms und der junge Richard Strauss, griffen hier in die Tasten. Als Bildhauer schuf Klinger Denkmäler und Porträtbüsten, unter anderem von seinen weiteren Heroen Friedrich Nietzsche, Franz Liszt, Johannes Brahms und Richard Wagner.

Auch Klingers Gekreuzigter ist nackt

Klinger, der Symbolist, provozierte auch in religiösen Werken: Sein gekreuzigter Christus ist splitternackt. Klinger musste ihm ein Tüchlein, an einer Lendenkette befestigt, malen! In den 1970er Jahren restaurierte man dieses Feigenblatt wieder weg. Der Apostel Johannes trägt übrigens die Gesichtszüge Beethovens.

Kollegin Käthe Kollwitz, die 1920 die Grabrede auf Klinger hielt, hob die „dunkle Lebenstiefe“ hervor, die sie vor allem in seinen Radierungen fand. Dennoch wurde Klinger von Kritikern vorgeworfen, zu wenig „modern“ zu sein, man maß ihn an der Kunst des von ihm hochgeschätzten Rodin – und befand gar: Klinger verharre in Biederkeit. Dazu kam, dass seine Kunst den NS-Kulturverantwortlichen nicht missliebig war, was Klingers Wertschätzung nach 1945 im Wege stand. Erst nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten erinnerte man sich des Leipzigers.

Da die Klinger-Ausstellung derzeit coronabedingt geschlossen ist, lohnt es, aus Videos Eindrücke zu gewinnen, eines dokumentiert sogar den Umzug der über sechs Tonnen schweren Beethovenskulptur: ein generalstabsmäßig geplanter Logistik-Akt.

Bundeskunsthalle Bonn: „Max Klinger und das Kunstwerk der Zukunft“, Wiedereröffnung geplant am 11. Jänner
Videos: www.bundeskunsthalle.de/maxklinger.html; vimeo.com/465318596 (Umzug)